Luftrettungsstation Christoph 22

50 Jahre Luftrettung aus Ulm

Rückblick auf 50 Jahre zivil-militärische Zusammenarbeit

1970 starben in der Bundesrepublik Deutschland mehr als 21.000 Menschen infolge von Verkehrsunfällen. Dies veranlasste die Bundesregierung zu der Feststellung im "Verkehrspolitischen Bericht", dass sich auch der Sanitätsdienst der Bundeswehr an bestimmten und auszuwählenden Schwerpunkten am zivilen Rettungsdienst beteiligen solle. Diese Aussage nahm der damalige Chefarzt des Ulmer Bundeswehrkrankenhauses, Oberstarzt Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Ahnefeld, zum Anlass, bei Verteidigungsminister Helmut Schmidt vorzusprechen, um ihn von der Notwendigkeit eines von der Bundeswehr betriebenen Luftrettungszentrums zu überzeugen. Ahnefelds Überzeugung war, dass Sanitätssoldaten nur durch die tägliche Arbeit an den Patientinnen und Patienten auf den realen Einsatz vorbereitet werden könnten. Ahnefeld war zudem Leiter des Departments für Anästhesiologie der Universitätsklinik und Dekan der Medizinischen Fakultät Ulm sowie Bundesarzt des Deutschen Roten Kreuzes. Diese Personalunion erleichterte den Beginn der zivil-militärischen Zusammenarbeit (ZMZ) im Rettungsdienst. Entsprechend wurde der Mediziner beauftragt, in Ulm ein Test-Rettungszentrum zu initiieren.

Das "Test-Rettungszentrum" Ulm

Zur Vorbereitung auf die neuen, ungewohnten Aufgaben absolvierte das ausgewählte Rettungspersonal des neuen Ulmer Rettungszentrums einen Lehrgang bei der Berufsfeuerwehr in München. Der einwöchige Lehrgang hatte die sperrige Bezeichnung "Technische Hilfe am Unfallort". Danach sammelte jeder Einzelne für jeweils eine Woche als Praktikant auf einem Notarztwagen in München erste eigene praktische Erfahrungen. Am 2. November 1971 wurde dann das "Test-Rettungszentrum der Bundeswehr" offiziell seiner Bestimmung übergeben. Doch der ursprünglich für das Testrettungszentrum Ulm vorgesehene Hubschrauber vom Typ BO-105 konnte nicht fristgerecht ausgeliefert werden. So stellte das in Penzing bei Landsberg stationierte Hubschrauber Transport Geschwader (HTG) 64 mit dem gerade neu in die Bundeswehr eingeführten Hubschrauber vom Typ Bell UH-1D die "Hardware". Von nun an unterstützte die Luftwaffe mit einem Hubschrauber und der fliegenden Besatzung. Das Bundeswehrkrankenhaus Ulm ergänzte die Crew mit dem medizinischen Personal. Es war der zweite Rettungshubschrauber in Deutschland. Nach „Christoph 1“ des ADAC in München erhielt dieser den Funkrufnamen „SAR Ulm 75“. Weitere Rettungszentren der Bundeswehr folgten 1973 in Hamburg und Koblenz, 1974 in Nürnberg und Würselen bei Aachen und 1982 in Rheine. Weitere acht Standorte entstanden nach der deutschen Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern.

Eigener Lehrgang für Rettungsdienstpersonal

Bereits im Herbst 1972 wurde an der Sanitäts-Schüler-Kompanie des Bundeswehrkrankenhauses Ulm der erste dreimonatige Lehrgang für "Sanitäts-Personal im Rettungsdienst" durchgeführt. An dem Lehrgang nahm auch Personal der Polizei, der Berufsfeuerwehr und der zivilen Rettungsdienstorganisationen teil. Die hierbei in den ersten Jahren gemachten Erfahrungen fanden Eingang in die Empfehlungen des "Bund-Länder-Ausschusses Rettungswesen" vom 20. September 1977 für eine 520-Stunden-Regelung zur Ausbildung von Rettungssanitätern.

Kooperation mit der ADAC Luftrettung gGmbH

In den 90er Jahren übernahmen zivile Luftrettungsbetreiber, wie die Deutsche Rettungsflugwacht und die ADAC Luftrettung, immer mehr Standorte. Zu dem Zeitpunkt waren Hubschrauber und die fliegerischen Besatzungen in den internationalen Auslandseinsätzen der Bundeswehr gefragt. In Anbetracht der zivilen Luftrettungsbetreiber konnte die Bundeswehr ihren Beitrag zur zivilen Luftrettung ab 1992 schrittweise reduzieren. Nachdem bereits am Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz eine Kooperation mit der ADAC Luftrettung gGmbH entstanden war, sollte ab 2003 auch in Ulm die Bell UH-1D der Luftwaffe durch eine BK-117 der ADAC Luftrettung abgelöst werden.

Letzter Einsatz von „SAR Ulm 75“

Am 31. März 2003 raste ein LKW in Illerrieden wegen eines technischen Defekts in ein Einfamilienhaus. Die Bewohner entgingen dem Unfall nur durch großes Glück. Der verletzte LKW-Fahrer wurde in das Bundeswehrkrankenhaus Ulm geflogen. Mit diesem spektakulären Einsatz verabschiedete sich „SAR Ulm 75“ nach 32 Jahren vom Ulmer Bundeswehrkrankenhaus. Seit dem 1. April 2003 stellt die ADAC Luftrettung gGmbH den Hubschrauber und die Piloten. Die medizinische Crew des Rettungshubschraubers, der jetzt den Funkrufnamen „Christoph 22“ hat, stellt weiterhin die Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie des Ulmer Bundeswehrkrankenhauses.

Notfallmedizinische Innovationen aus Ulm

Mit den Jahren optimierte die medizinische Crew auf dem Rettungshubschrauber immer wieder die Versorgung von Notfallpatientinnen und -patienten. Schon früh flogen sie mit modernem technischem Rettungsgerät zu Unfällen. Ein Beispiel ist ein heute gängiger mobiler Hydraulik-Kompressor mit Schere, Spreizer und Personal, um eingeklemmte Patientinnen und Patienten zu befreien. Zu dem Zeitpunkt waren noch nicht einmal die Feuerwehren flächendeckend damit ausgerüstet. Die Ulmer Retter überlegten schon früh, welche Ausrüstung minimal erforderlich wäre, um eine Unfall-Patientin bzw. einen Unfall-Patienten außerhalb der Klinik zu stabilisieren. Die damals üblichen ledernen Taschen der Hausärzte erschienen weder ausreichend groß noch robust genug. So entstand die Idee, einen stabilen und gleichzeitig leichten Koffer aus Aluminium zu entwickeln, der das nötige Equipment fasst und ein zügiges Arbeiten an der Einsatzstelle gewährleistet. Die Bezeichnung „Ulmer Koffer“ war schnell gefunden und ist heute noch ein feststehender Begriff im Rettungsdienst, auch wenn inzwischen mehr auf Rucksäcke zum Transport der Ausrüstung gesetzt wird. Auch wissenschaftlich wurden viele Ideen am Ulmer Rettungshubschrauber (weiter-)entwickelt. So erkannte das Rettungspersonal schon früh den Nutzen der Pulsoxymetrie auch für die prähospitale Versorgung. Auch bei der digitalen Dokumentation mit einem speziellen „digitalen“ Papier und einem Stift, der das geschriebene Protokoll speichert und in eine Datenbank exportiert, war das Ulmer Rettungszentrum Vorreiter. Erfahrungen aus den militärischen Auslandseinsätzen haben maßgeblich dazu beigetragen, die Konzepte zur Blutstillung deutschlandweit zu verbessern und Tourniquets und Hämostyptika im zivilen Rettungsdienst zu etablieren. Seit August 2020 ist „Christoph 22“ der erste Hubschrauber der ADAC Luftrettung gGmbH, der Blut- und Gerinnungsfaktoren für die Versorgung von Schwerstverletzten an Bord hat. Flogen die meisten Rettungshubschrauber nach Sichtflugbedingungen bisher nur bis Sonnenuntergang, ist Christoph 22 seit diesem Winter in einem Probebetrieb über den Sonnenuntergang hinaus bis 20:00 Uhr einsatzbereit. Die Crew nutzt für den Anflug an nicht beleuchtete Einsatzstellen spezielle Restlichtverstärker Brillen – sog. Night Vision Imaging Systems (NVIS). Mit dieser umfangreichen Expertise sind die Ulmer Luftretter gern gesehene Referentinnen und Referenten auf nationalen und internationalen notfallmedizinischen Kongressen sowie in wissenschaftlichen Fachgesellschaften.

Impressionen